Das Ego der Architekten

Kürzlich erst, habe ich im Fernsehen einen Film von 1995 mit der Bezeichnung „Bauen auf dem Land“ gesehen. Wohl eher zufällig, denn um diese Zeit sehe ich selten fern (oder gibt es gar keine Zufälle?).

Es war eine dieser einfachen, stillen Dokumentationen, die völlig ohne Superlative, Propagandamaterial oder wild durch die Gegend plärrenden Moderatoren auskommen, einen aber dennoch von Beginn an fesseln. Aber nicht die Machart dieser Dokumentation, sondern deren Inhalt hat mich fasziniert. Es ging, wie der Titel schon vermuten lässt, um Häuser auf dem Land. Genauer gesagt im bayrischen Voralpenland.

Erzählt wurde von alten, erfahrenen Architekten (alt hier im chinesischen Sinne, also weise) die es noch verstanden haben ein Haus so in eine Landschaft hineinzusetzen, dass es aussieht als ob es schon immer da gestanden hätte. Architekten, die noch Häuser für ihre Kunden zu bauen wussten, anstatt für ihr Ego und damit eher einer Randgruppe angehören.

Es wurden einige Gebäude vorgestellt, teils die Häuser der Architekten selber, die genial einfach gebaut waren und völlig ohne Schnickschnack, riesigen Fensterfronten oder pompösen Grundrissen auskamen. Da wurde ein Haus vorgestellt, dessen Grundriss ein simples Rechteck war, mit einem ebenso simplen Dach darauf. Aber es besaß eine dermaßen starke Ausdruckskraft, die so manch moderner Architekt niemals einem Haus verleihen wird können.

Dieser Bericht hat mich einmal mehr in meiner Vermutung bestätigt, dass heutzutage viel zu viele Architekten nicht mehr für ihre Kunden bauen, sondern nur noch um möglichst aufzufallen (angenehm oder unangenehm ist völlig egal). Denn nur wer auffällt hat scheinbar eine Chance nach oben zu kommen.

Vielleicht ist das der Grund, warum so manche angeblich familienfreundliche Eigentumswohnung für eine Familie absolut unbewohnbar ist, warum die pompösesten Villen oftmals jährlich die Besitzer wechseln oder warum die tollsten Bürogebäude nicht selten jahrelang leer stehen.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich viele Leute unter einem „Feng Shui Haus“ einen wild geschwungenen, eckenlosen und bunt bemalten Fremdkörper vorstellen und gar nicht auf die Idee kommen, dass ein Feng Shui Haus gar nicht so viel anders aussehen muss als das Haus der Nachbarn.

Immerhin fällt man auch als Feng Shui Berater nur auf, wenn man außergewöhnliche Ergüsse produziert. Kein Wunder, dass als Argument gegen eine Feng Shui Haus häufig die Mehrkosten genannt werden. Das Feng Shui kostet dabei keinen Cent mehr, aber das Ego des Beraters kommt den Kunden nicht selten teuer zu stehen.

Vielleicht kommt irgendwann der Trend in die andere Richtung. „Downshifting“ nicht nur für den eigenen Lebenswandel, sondern auch in der Architektur?

Roland Steiner


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