Feng Shui, die Struktur der Welt

Feng Shui, die Struktur der WeltIm folgenden wir das Werk des Sinologen Dr. Manfred Kubny zum Thema Feng Shui vorgestellt, das endlich ein wenig Klarheit in den Dschungel der Halbwahrheiten zu bringen verspricht und deshalb in keinem Bücherregal fehlen sollte.

Den Einstieg in die Materie findet der Autor über die chinesische Sprache und ihre Besonderheiten. Für den Laien ist es nicht einfach die Originaltexte zu lesen, selbst wenn er der chinesischen Sprache prinzipiell mächtig ist, den meisten Europäern werden sie wohl auf immer verborgen bleiben.

Im ersten Teil des Buches geht es um die Kurzerklärung der wichtigsten Kernbegriffe im Themengebiet des Feng Shui. Dao, Qi, Yin / Yang, Taiji / Wuji. die drei Entitäten, Substanz und Funktion, die acht Trigramme, die 64 Hexagramme, die fünf Wandlungsphasen, die Anordnung des frühen und späten Himmels, Hetu und Luoshu, die neun Paläste und neun Sterne, Himmelsstämme, Erdzweige, die drei Urprünge, die zwölf Qi-Phasen, 24 Klimaphasen, 28 Mondstationen und die hergeleiteten Töne werden kurz in Bedeutung und Herkunft erläutert.

Teil zwei des Werkes beschäftigt sich ausschließlich mit dem wohl wichtigsten Grundkonzept, dem Qi. Dieses wird als absolute Grundlage der chinesischen Wissenschaften vorgestellt, quasi der Kern aller theoretischen Konzepte Chinas.

Es folgt eine detaillierte Abhandlung über die Entwicklungsgeschichte des Begriffes Qi, von den Anfängen, lange vor unserer Zeitrechnung, als Atem der Natur, quer durch die Jahrhunderte bis in die heutige Zeit, die mangels einheitlicher Definition teils seltsame Mischkonzepte hervorbringt.

Funktionen und Eigenschaften des Qi werden erläutert, die drei Hauptfunktionen „Qi der Natur“, „ursprüngliches Qi von Himmel und Erde“ und das „Qi des menschlichen Körpers“.

Sehr viel detaillierter geht Dr. Kubny nun auf die Song-Zeit (960-1279) ein, da sich in dieser Periode ein Großteil der Konzepte des Qi und des Feng Shui entwickelt haben. Die unterschiedlichen Entwicklungen des rationalistischen und idealistischen Neokonfuzianismus werden beleuchtet, sowie ihre Auswirkungen auf das Feng Shui.

Das Qi als Bestandteil westlicher Konzepte schließt diesen Part ab, denn so ganz neu ist die asiatische Betrachtungsweise der Dinge auch bei uns nicht. Wenngleich sie in der westlichen Welt deutlich unterschiedlich kommuniziert wurde.

Teil drei beschäftigt sich mit der Geschichte des Feng Shui. Der Autor steigt hier im hohen Altertum ein, als das chinesische Volk in Höhlen und später in Baumbehausungen lebte. In dieser Zeit liegen vermutlich die Wurzeln der ersten systematischen Betrachtung der Umgebung. Immerhin musste man sich damals vor wilden oder zumindest lästigen Tieren schützen. Der richtige Wohnort war lebenswichtig.

Der Begriff „Feng Shui“ wurde wohl erst zwischen dem 4. und 5. Jahrhundert genannt, im Zusammenhang mit der damals sehr wichtigen Ahnenverehrung. Langsam konkreter wurden die Techniken des Feng Shui aber schon früher während der Qin- und Han-Zeit.

Die Ausführungen des Buches erstrecken sich über die wichtigsten Entwicklungsschritte, des Feng Shui und anderer chinesischer Divinationstechniken.

Die Zeit von etwa 221-420 wird beschrieben, in der Schritt für Schritt standardisierte Regeln und theoretische Konzepte über das Wesen der Erde entstanden, das Feng Shui langsam zum Volksgut wurde und sich rasend schnell die verschiedensten Ansichten entwickelten. In der Tang Zeit hatte das Kaiserhaus schon ziemliche Mühe, die ausufernden Methoden wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Weiter geht es über den Beginn der Song-Zeit im Jahre 960, als sich die zwei Hauptrichtungen des Feng Shui, die Formen-Kraft-Schule und die Struktur-Qi-Schule herausbildeten, Schießpulver und Kompass (auch der Feng Shui Kompass Lo Pan) erfunden wurden und die magnetischen Feldlinien bereits bekannt waren.

Über die Yuan Dynastie in der das Kalenderwesen weiterentwickelt wurde, geht es weiter zur Ming-Zeit in der sich einige sehr spirituelle Ansichten herausbildeten. So beispielsweise das gute Wissen, dass man durch alleinige Beschäftigung mit sich selbst erlangen könne. Große Enzyklopädien entstanden und dem Wasser bekam im Feng Shui zunehmende Bedeutung. In der Qing-Zeit besann man sich dann wieder zurück auf die alten Schriften.


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Sehr ausführlich beschreibt Kubny die Zeit als das westliche Abendland zunehmen Besitz von China ergreifen wollte und das Land aufgrund mehrerer Angriffe von innen und einer gewissen Arroganz dem Ausland gegenüber zunehmend in technische Unterlegenheit geriet, was letztendlich mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches 1912 endete.

Zu dieser Zeit kam das Feng Shui auch erstmals in arge Kritik. Einerseits durch westliche Reisende die die chinesischen Divinationstechniken grundsätzlich belächelten und andererseits durch massiven Missbrauch des Feng Shui-Begriffes durch chinesische Anwender und den daraus entstehenden Konsequenzen, was recht amüsant zu lesen ist

Jeder begann während dieser Zeit damit Feng Shui anzuwenden, ob er eine Ausbildung hatte oder nicht, die Vertreter verschiedener Lehrmeinungen stritten sich heftig, es wurde zunehmend Profit mit der Angst der Menschen gemacht.

Während des langsamen Übergangs des chinesischen Reiches in die Moderne, wurden mehrere Versuche unternommen, die ausufernden Feng Shui Praktiken zu verbieten bzw. zu verstaatlichen, was letztendlich zur Flucht vieler Experten führte. Der Autor beschreibt sehr detailliert die sich daraus ergebenden Probleme und die verschiedenen Sichtweisen der Menschen. Im Kommunismus wurde Feng Shui erst noch geduldet, dann aber hart bekämpft. Der Mondkalender wurde verboten, was sich aber glücklicherweise nicht wirklich durchsetzte.

Im nächsten Abschnitt des Werkes listet der Autor die bedeutenden Experten des Feng Shui und die von ihnen verfassten Werke auf. Angefangen von der mythischen, vordynastischen Zeit bis ca. 2100 v. Chr. über die diversen Dynastien bis in die heutige Zeit.

Sehr aufschlussreich ist der nun folgende Abschnitt über die Divinationspraxis heute mit einem Interview des Taiwanesischen Meisters Li Gongming.

Nun geht es an die Erörterung verschiedenen Fachrichtungen des Feng Shui, angefangen von der Vorstellung, die Natur sei ein Abbild des Körpers bzw. umgekehrt, mit ihrer Annahme des in der Erde fließenden Qi, über die Formen-Kraft-Schule mit ihren Landschaftsbetrachtungen, der Beurteilung von Berg, Sediment, Wasser bis zur Struktur-Qi-Schule mit ihren abstrakten Berechnungen der Zusammenhänge in Raum und Zeit.

Es folgt ein kleiner geschichtlicher Abriss des Feng Shui Kompass Lo Pan. Vom Vorläufer des Magnetkompass, dem Tugui, über frühe und recht simple Kompassvarianten wie den Südkontrolleur (irgendwann zwischen 475 und 221 v. Chr), die Varianten der Han Zeit die bereits über die typischen zwei Platten verfügten bis hin zu den heute bekannten, recht komplexen Typen die in der Song-Zeit ihren Entwicklungshöhepunkt erreichten.

Die verschiedenen Lopan Typen sanhe, sanyuan und zonghe werden vorgestellt und es folgen Hinweise zum Umgang mit einem solchen Gerät. Der Lopan wurde auch als radiästhetisches Instrument genutzt, wenngleich Dr. Kubny deutlich macht, dass sich chinesische Konzepte von den westlichen deutlich unterscheiden.

Wahrlich amüsant zu lesen ist der Hinweis auf die enorme psychologische Wirkung eines Lo Pan auf die westliche Klientel eines Beraters. Alleine schon der Anblick dieses komplexen Gerätes lässt so manchen Kunden vor Ehrfurcht erstarren. Wobei allerdings klar wird, dass es kaum möglich ist, einen Lo Pan vollständig in eine westliche Sprache zu übertragen, da dies viel zu viel Platz beanspruchen würde.

Zur Tätigkeit eines Feng Shui Experten gibt es auch noch ein paar Worte, bevor es zum Nachwort geht in dem der Autor noch einmal klar die Probleme erörtert, die sich aus dem zusammentreffen zwischen China und der westlichen Welt auch für die Tätigkeit eines Feng Shui Beraters ergeben.

Im sehr umfangreichen Anhang finden sich ein Glossar wichtiger Fachbegriffe, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister.

Fazit:

Endlich mal eine klare, gut strukturierte und sehr umfangreiche Darstellung der Entwicklungsgeschichte des Feng Shui.

Aufgrund des Wissens und der Erfahrung die man Dr. Kubny auf diesem Fachgebiet wohl zuschreiben kann, ist davon auszugehen dass es sich bei den veröffentlichten Informationen nicht wie in der Ratgeberliteratur üblich um Halbwissen, dubiose mündlich überlieferte Methoden oder fragwürdige Sekundärliteratur handelt, sondern um wissenschaftlich korrekt aufgearbeitete Fakten basierend auf den wichtigsten Originalquellen der Geschichte und Gegenwart.

Diese Quellen sind genannt, also nachvollziehbar. Auch wenn vermutlich nur wenige Feng Shui Berater in der Lage sind, das tatsächlich zu tun.

Das wirklich Einzigartige an diesem Buch ist, dass es sich, trotz dem es ein absolutes Fachbuch ist, sehr flüssig lesen lässt. Manche Abschnitte sind regelrecht amüsant und der Inhalt ist auch für den fortgeschrittenen Laien sehr gut verständlich.

Der Autor:

Manfred Kubny, Jahrgang 1959, veröffentlichte sinologische Grundlagenwerke über das Qi-Konzept sowie über die chinesische Chronopsychologie Bazi Suanming, die er erstmals in einer europäischen Sprache vorstellte.

Im Rahmen der von ihm gegründeten Internationalen Akademie für traditionelle chinesische Astrologie (IATCA) unterrichtet er die Theorie und Praxis der chinesischen Lebenswissenschaften Bazi Suanming, Qimen Dunjia und klassisches Feng Shui und führt auf deren Grundlage Fallanalysen für Privatpersonen und Unternehmen durch.

Manfred Kubny lehrt am Horst-Görtz-Stiftungsinstitut für Theorie, Geschichte und Ethik chinesischer Lebenswissenschaften an der Charite Berlin und ist Mitarbeiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).


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Dr. Manfred Kubny
Feng Shui, die Struktur der Welt
Geschichte und Konzepte der chinesischen Raumpsychologie
2009. 344 Seiten
Format 25 x 17,6 x 3,2 cm. Gebunden.
€ [D] 34,90; SFr 58,-
ISBN-10: 3927369349
ISBN-13: 978-3927369344


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