Rosen für Much

much-rosenSeit 20 Jahren lebe ich im schönen Much. Berufliche Gründe führten mich damals an diesen Ort.

Als Halbjüdin bin ich, nicht zuletzt durch Berichte meiner Mutter, mit der Geschichte des Deutschlands in den Jahren 1939 bis 1945 sehr gut vertraut.

Im Hinblick darauf verfolge ich aufmerksam die Historie Much`s in dieser Zeit.


Geschichtsstunde einer Gemeinde

In eben diesem Zusammenhang hat ein größerer, fast unbebauter Platz am Wahnbach, der sich im Südosten durch Much schlängelt, mein Interesse geweckt. Inzwischen habe ich ihn nun schon mehrmals aufgesucht.

Seit kurzem befinden sich ganz in der Nähe des Ortes eine Reihe von Skulpturen, und auch der sogenannte Lyrikwanderweg führt daran vorbei. Mitten auf diesem Platz steht ein Steindenkmal, das an ein Sonnentor erinnert. Ansonsten ist der Platz leer, eine besondere Bepflanzung gibt es nicht.

Eine Gedenktafel mit den Namen von Opfern aus der Zeit des Dritten Reichs weckte insbesondere mein Interesse. An diesem Ort befand sich – so brachte ich in Erfahrung –in den Jahren 1940 bis 1945 ein Sammellager für Juden aus dem Rhein-Siegkreis, die von dort aus in die großen Vernichtungslager wie Dachau, Theresienstadt und Auschwitz deportiert wurden.

Hier war die letzte Station der Menschen, deren Namen und Alter sich auf dieser Gedenktafel befinden. Unter Ihnen sind Kinder, deren Eltern und deren Großeltern.

Die Energie des Ortes

Ich traf mich an diesem Ort mit meinen Kollegen Marianne Rattay und Franz-Karl Rösberg, ohne sie vorher zu informieren, was ich bereits über den Platz wusste. Mit Rute und Pendel ausgerüstet gingen wir über die mit Unkraut bewachsene Wiese, durch die sich der Wahnbach schlängelt. Ich war nicht sonderlich überrascht, dass beide nach kurzer Zeit über Kopfschmerzen und Übelkeit
klagten.

Unsere Ruten spielten förmlich verrückt bei der Begehung. Das Steindenkmal wirkte zudem eher störend als besänftigend. Als ich ihre Reaktionen beobachtete, lüftete ich schließlich das Geheimnis und informierte die beiden über die Geschichte des Orts.

In anschließenden Gesprächen keimte die Idee in uns auf, etwas zur Heilung dieser Stätte beizutragen. Marianne Rattay hatte die Idee einer öffentliche Aktion in Form einer Ausschreibung unter den ortsansässigen Blumenläden und Blumenzüchtern, um so zu erreichen, dass dieser Platz mit Rosen bepflanzt werden würde. Durch die Rosen könne die Energie des Platzes angehoben und Heilungsprozesse angeregt werden. Symbolisch schlug sie als das Motto dieser Aktion vor: Für jede Seele eine Rose! Oder: Für jedes Leben ein Leben!

Für jede Seele eine Rose

Keine andere Pflanze besitzt größeren Symbolcharakter als die Rose, die als die älteste und traditionsreichste Kulturpflanze der Menschheit gilt. In den verschiedenen religiösen und spirituellen Traditionen finden wir die Rose immer wieder als tragendes Symbol.

So steht sie im Christentum für die Vergebung Christi, sie repräsentiert in dieser Tradition Licht, Liebe und Leben. Die Römer waren es, welche die Edelrosen nach Mitteleuropa brachten, wo man bis dahin nur die Heckenrose oder Hundsrose (rosa canina) kannte. Ein Exemplar dieser Art wächst seit tausend Jahren am Hildesheimer Dom und hat alle Katastrophen, die das Bauwerk heimgesucht haben, gut überstanden.

Der Hildesheimer Rosenstock geht zurück auf die Sage vom Rosenwunder um 815, als Kaiser Ludwig der Fromme schließlich den Dom genau an dieser Stelle errichten ließ, an der er sein Kreuz in den Zweigen eines blühenden Rosenstrauchs hängen sah, der inmitten von einer schneebedeckten Landschaft stand. Daraus entstand der Hildesheimer Mariendom, an dessen Mauern noch immer der riesige Rosenstrauch wächst.

Diese Hundsrose, die auch als Hagebuttenstrauch häufig wild wachsend anzutreffen ist, besitzt die Eigenschaft fortwährender Erneuerung, somit bleibt sie selbst Jahrtausende lang stets dieselbe Pflanze. Sie gilt als Garant des Lebens an diesem Ort. Der Rosenstock lag nach dem verheerenden Bombenhagel im März 1945 verbrannt, verkohlt, unter Trümmern begraben. Wie ein Wunder erschien es den Überlebenden dieser Katastrophe, als die Reste der Rose dennoch neue Triebe entwickelten. Damit bekam das Rosenwunder eine neue Bedeutung, denn darunter verstand man bis dahin nur eine fromme Legende.

Was könnte also besser dienen, um jenen Platz neu zu beleben? Mit dieser Anregung
wandte ich mich über Umwege an die Gemeinde selbst.

Auseinandersetzung mit Vergangenem

Das Interesse in einer kleinen Gemeinde wie Much an solchen Aktionen ist nicht so groß, wie ich zunächst annahm. Ich stieß mit meinem Vorschlag auf Widerstände, und in diesem Zusammenhang wurde ich durch kundige und engagierte Bürger auf eine Künstlerin aufmerksam, die sich schon lange mit diesem Platz befasst. Sie wusste zu berichten, dass die Gemeinde es eher vermeidet über diesen Ort zu sprechen.

Schlimmer noch, Ende der 70er-Jahre versuchte man, die Ereignisse, die mit diesem Platz verbunden sind, zu vertuschen, so die Künstlerin. Es gab den Plan, an dem Ort einen Kindergarten zu bauen, doch das kam nicht zustande. Sicherlich ist es auch diskussionswürdig, ob nun ein Kindergarten geeignet wäre, um diesen Platz wieder zu beleben, oder, anders gesagt, zu regenerieren.

Zuerst muss doch die Frage gestellt werden: Was ist hier wirklich passiert? Was war hier vor den Jahren 1941 bis 1942? Wie belastet ist der Platz von diesen Ereignissen? Die Energie, die meine Kollegen und ich heute spüren, rührt sie aus jener Zeit?

Später, in den 80er-Jahren, war die Rede von einem Skulpturenpark junger ortsansässiger Künstler. Dieses Projekt wurde ebenfalls verhindert. Die Gegner waren der Ansicht, dass junge Künstler, die jene Zeit nicht erlebt hatten, keine adäquate Kunst für diesen Ort erschaffen könnten.

Das Steindenkmal, das sich heute in der Mitte des Platzes befindet, wurde in den 90-er Jahren von einem hier unbekannten Künstler aus Essen errichtet. Es gibt keine Erläuterung dazu, z.B. wie der Auftrag für den Künstler lautete und/oder was der tiefere Hintergrund für das Steingebilde ist.

Gibt es einen Weg?

Nachdem ich all diese Informationen zusammengetragen hatte und schon fast aufgeben wollte, sollte ich dennoch Unterstützung finden. Ein ansässiger Marketing-Verband zeigte Interesse. Nach ein paar Telefonaten mit dem Vorsitzenden von „Much-Marketing“ war allerdings klar, dass es weiterhin schwierig bleiben würde, mit der Gemeinde über unsere Pläne, den Platz mit Rosen zu bepflanzen, ins Gespräch zu kommen.

Die neueste Aussage der Gemeine lautet nun, der Platz stehe unter Naturschutz. Somit ist bis zum heutigen Tage noch nicht geklärt, ob sich der Traum eines Rosengartens dort realisieren kann. Ich gebe nicht auf und werde dran bleiben. Ich weiß nicht, wie lange es noch dauern wird, bis man diesem Platz und dem damit verbundenen Schicksal von vielen Menschen die nötige Aufmerksam, Respekt und Anerkennung zu Teil werden lässt, die ihm zusteht. Wenn es soweit ist, werde ich darüber berichten.

Michaela Adami-Eberlein
www.fengshuipraxis-much.de


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