
“Vielleicht ist es so, dass der Mensch zwar von Natur aus nicht böse oder schlecht ist … aber ein Hang zur Ausbreitung der Dummheit in ihm wohnt, der bewirkt, dass er Unfug hervorbringt, wie der Baum Blätter treibt.”
Besser kann man die Erkenntnis kaum zusammenfassen, zu der der chinesische Mandarin Kao-tai kommt, als er 1000 Jahre nach seiner Zeit ein paar Monate lang im heutigen München weilt.
Genau das ist die Geschichte des Buches, das ich hier schon lange einmal vorstellen wollte. Nämlich die des Bestsellers “Briefe in die chinesische Vergangenheit” von Herbert Rosendorfer.
Die grundlegende Story ist schnell zusammengefasst. Ein chinesischer Mandarin aus dem 10. Jahrhundert entwickelt, zusammen mit einem Freund, eine Zeitmaschine mit deren Hilfe er 1000 Jahre in die Zukunft reist. Er landet wie geplant in unserer heutigen Zeit, aber da er die Erdrotation nicht berechnet hatte, weil sie ihm nicht bekannt war, kommt er nicht in China heraus sondern in einer seltsamen Stadt voller Großnasen.
Diese heißt Min-chen und liegt in einem Land namens Ba Yan. Klar, dass er gewisse Schwierigkeiten hat, sich zurecht zu finden. Diese Schwierigkeiten und die Eindrücke die er im laufe seines Aufenthaltes sammelt, schreibt er regelmäßig seinem Freund in der Vergangenheit.
Was zuweilen zum brüllen komisch ist, denn ein Chinese der vor 1000 Jahren gelebt hat, sieht unsere heutige Gesellschaft natürlich ganz anders als wir sie sehen.
Er kennt weder die Sprache noch ist er passend gekleidet. Er weiß nichts mit den seltsamen Dingern anzufangen von denen ihn eines fast von der Straße fegt. A-tao heißen sie, wie er später erfährt und sie sind vollkommen nutzlos.
Mit zunehmender Sprach- und Ortskenntnis und Hilfe einiger netter Menschen wird er aber schnell gelassener, so dass ihn schließlich weder fliegende Silberdrachen aus Stahl noch eine Fern-Blick-Maschine oder das seltsame Te-lei-fong seltsam vorkommen. Immerhin ist eine Zeitreisemaschine nicht weniger komplex.
Trotz allem Witz ist doch das meiste was er schreibt bei genauerem Hinsehen ganz und gar nicht komisch sondern in höchstem Maße gesellschaftskritisch.
Im Grunde ist das Buch nichts als ein erbarmungsloser Spiegel, der uns vor die Nase gehalten wird und uns die Nichtsnutzigkeit unserer Gesellschaftsstruktur und unseres Aberglaubens vom Fortschritt zeigt.
Interessanterweise sagt es auf den letzten Seiten genau voraus, was passieren wird, wenn unsereins diesen Spiegel sieht. Das Buch wird gelesen, vielleicht sogar gründlich, aber danach werden wir genau so weitermachen wie bisher. Was auch nicht verwundert, denn der Autor zeigt uns zwar auf was wir möglicherweise falsch machen, aber wie es letztendlich richtig geht muss man doch wieder selbst herausfinden.
Etwas Trost gibt die Erkenntnis, dass es die Chinesen heute auch nicht wirklich besser machen als wir …
Der Autor:
Herbert Rosendorfer, 1934 in Bozen geboren, ist Jurist und Professor für Bayerische Literaturgeschichte. Er war Gerichtsassessor in Bayreuth, dann Staatsanwalt und ab 1967 Richter in München, von 1993 bis 1997 in Naumburg/Saale.
Seit 1969 zahlreiche Veröffentlichungen, unter denen die ›Briefe in die chinesische Vergangenheit‹ (dtv 10541 und 25044) am bekanntesten geworden sind. Herbert Rosendorfer ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Künste, er wurde mit zahlreichen bedeutenden Auszeichnungen geehrt. Er lebt mit seiner Familie in Südtirol.
Herbert Rosendorfer
Briefe in die chinesische Vergangenheit
2009. 368 Seiten
Format 19 x 12 x 2,8 cm
€ [D] 8,95
ISBN-10: 3423211733
ISBN-13: 978-3423211734
Gerhard Zirkel
Berater für chinesische Raum- und Landschaftspsychologie
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